MEIN KLEINER GROSSER JUNGE,
 
 
heute vor zwei Jahren war der berührendste Augenblick meines Lebens.
Ich hielt Dich zum ersten Mal in meinen Armen.
 
Wir haben Dir Dein Leben geschenkt,
seitdem bereicherst Du unseres.
 
Du warst die größte Überraschung meines Lebens
und doch habe ich ein Leben lang nur auf Dich gewartet.
 
Du hast mir eine neue Welt gezeigt,
Deine Welt des Glücks, der Unbeschwertheit und Zufriedenheit.
Meine Welt, jetzt!
 
Du hast mir die Angst vor Alter und Vergänglichkeit genommen,
denn ich möchte die Zeit vorspulen und dich noch heute groß werden
sehen.
Und ich möchte die Zeit stoppen
und jeden Moment mit Dir eine Ewigkeit lang genießen.
 
Wir haben Dir das Leben geschenkt
aber mit Dir hat unser Leben neu begonnen.
 
 Wir lieben Dich!
 
I&W 
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Stillen
 
Seit einiger Zeit stillen wir nicht mehr. Nach dem letzten Schluck vor ein paar Wochen schüttelte der Kleine sich angewidert und befand: „Alt! Bitter!“. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt.
Das war ein rigoroser Abgang. Aber ehrlich gesagt, hätte ich mir ein friedlicheres Ende nicht wünschen können. Ganz ohne gewaltsamen, traumatischen Zwangs-Entzug. 
Früher dachte ich, er wird von allein nie damit aufhören. Nicht bevor er 16 ist. Ich war sicher, er würde ohne Auszuschleichen direkt von Muttermilch auf harte Getränke wie Bier und Cola Wodka umsteigen. 
 Während einer Erkältungsphase mit hohem Anlehnungsbedürfnisfaktor hatte er nochmal einen Versuch gestartet. Er zerrte an meinem Pulli und guckte wie früher. Gierig. Ich bot ihm irritiert eine Restmilch-Aufbewahrungsdose an. Er, mindestens genauso irritiert, bat: „Nein. Andere.“
Ok. Schlaumeier. Hier ist die andere. Ich leistete einen Offenbarungseid meiner Habseligkeiten. Aber er schüttelte nur den Kopf. Auch die Andere war ihm nicht mehr gut genug. Er riss den Pulli hoch, guckte nun selbst drunter, geringschätzig suchend und rief schließlich wütend: “ Andere! Andere!“  Ich erklärte ihm höflich aber bestimmt, dass ich leider nur diese beiden habe, dass die Dinge sich ändern. Kinder werden größer, Milchbrüste werden kleiner. Seitdem ist Ruhe.
 
 
Zucker
 
Ich saß mit zwei Tagesmüttern am Tisch eines Kindercafes. Wir tranken Kaffee ohne Zucker und lästerten über falsche Ernährung während unsere zahlreichen Kinder um uns herum spielten. 
„Du glaubst ja nicht, was manche Kinder in ihren Brotdosen haben! Das kannst du dir nicht vorstellen!“, echauffierte sich Petra und senkte dann verschämt den Blick, wissend, dass sie kurz davor war, Interna auszuplaudern.
„Nein! Was denn?“ Ich platzte vor Sensationslust.
„Kinderriegel!“
„Oh mein Gott! Das ist ja furchtbar. Zum Frühstück schon? Meiner kriegt sowas noch nicht einmal zum Geburtstag! „
„Einmal…..aber bitte erzählt niemandem, dass ihr das von mir wisst, ….einmal hat Sean-Friedrich morgens von seiner Mutter eine Prinzenrolle in die Hand bekommen.“
„Unfassbar!“
„…und in die andere…. „, sie flüsterte jetzt: “ In die andere Hand eine Flasche Cola. Und das war kein Lightprodukt.“
„Nein! Ernsthaft? Warum tut sie das?“
„Ausgerechnet. Sean-Friedrich.“
 „Apropos….wo sind eigentlich die Kinder?“
 
Wir sahen uns um. S.-F. rutschte gerade rückwärts die Rutsche runter. Die anderen spielten Fangen. Alles ganz normal wie immer.
 
„Wie soll so ein kleines Kind das alles metabolisieren! Zucker ist Gift!“ Ich distanzierte mich demonstrativ von diesem niedermolekularen Kohlenhydrat, indem ich das Zuckerkännchen an den Rand des Tisches schob. So eines mit Aluröhrchen, durch das die Zuckerkristalle einem sich kubikmeterweise aufdrängeln, wenn man es leicht kippt. Wie Fliegen vorm Ziegenstall.
Maggi sagte: „Meine bekommt jeden Tag von ihrer Mutter eine Tupperschale voll mit Rosinen mit auf den Weg.“
„Hör bloß auf mit Rosinen. Deshalb habe ich mich mit meiner besten Freundin fast zerstritten“, ich winkte angewidert ab. 
„Tatsächlich? Ich sags ja, das ist Teufelszeug. Warum denn?“
Weil sie meinte, ich solle Tom täglich 5 Stück davon geben. Weil er sie so mag und ich könne ihm doch schließlich kein Obst verweigen.“
„Obst!? So ein Schwachsinn. Wenn Rosinen Obst sind, dann ist Fanta ein Gemüseeintopf. Trockenobst ist nicht nur Zucker in Reinform sondern auch noch geschwefelt. Das muss man sich mal vorstellen….Und hast du jetzt noch Kontakt zu deiner Freundin?“
„Nur noch verhalten.“
„Ich kannte mal ein Kind, das bekam morgens mittags und abends Pommes Frites!“, plauderte Maggie.
„Waaas? Und hast du das Jugendamt informiert? Das ist ja Körperverletzung. Polyacrylamid ist langfristig gesehen tödlich. Abgesehen mal vom Nahrungsdefizit.“
„Übrigens, ich habe für meinen jetzt Gummibärchen ohne Zucker bekommen“, erzählte ich stolz. “ Wir haben endlich das passende für uns gefunden. Stevia. Eine Revolution in Deutschland. Die Alternative zu herkömmlichen Austauschstoffen, Polyolen und Industrie-und Rohrzucker.“
 
Stevia ist eine südamerikanische Pflanze, auch Honigkraut genannt, deren Süßkraft 200-bis 300fach stärker ist als die von Zucker. Nebenwirkungen von klassischen Süßstoffen wie Sorbit oder Aspartam entfallen. Der Insulinstoffwechsel wird geschont und das Kariesrisiko  erheblich gemindert. Auf dem Weltmarkt wird die Pflanze seit Beginn des 20. Jahrhunderts gehandelt. Nur in Deutschland ist sie als Lebensmittel erst seit Dezember 2011 zugelassen.
 
„Einen Haken hat das Zeug allerdings“, ergänzte ich. Der Geschmack ist…nunja…. sagen wir noch modifizierbar.
 
Plötzlich sauste die Kellnerin an mir vorbei und machte einen Hechtsprung in Richtung eines Kindes. Ähm… in Richtung  meines Kindes. Ich musste 3 Mal blinzeln, weil ich nicht glaubte, was ich da sah. Tom hatte sich ein Zuckerkännchen von einem der Tische genommen, seinen Kopf genussvoll in den Nacken gelegt und war dabei die Zucker-Karaffe auf Ex zu trinken.
Hoppla!
„Tom lass das mal! Ich habe unsere Austausch-Bären heute vergessen. Du bekommst deine Portion später. Geh mal mal jetzt spielen bitte!“
 
„Wisst ihr was“, sagte Maggie, „ich hab jetzt richtig Lust auf Pommes. Wer teilt sich eine Portion mit mir?“
 
„Gern. Aber wir müssen drauf achten, dass die Kinder davon nichts mitkriegen.“
„Für mich mit Ketchup bitte.“
„Bedienung!“
 
 
 
 
 
 

 Tom ist 23 Monate alt.

 Vor ca. 6 Wochen haben wir extra für die U7 zum Spaß mal alle Worte aufgeschrieben, die er spricht. Es waren (Verwandtschaftsbezeichnungen und die Vornamen seiner Eltern eingeschlossen) ca. 100. Danach ist seine Wortschatzkurve exponential angestiegen und ich würde mir bei allem Stolz ab jetzt die Mühe des Wörterzählens nicht mehr machen.
Dennoch konnten wir bei der U7 niemanden beeindrucken. Ich war aufgeregt wie kurz vor dem Staatsexamen und wollte seine Prüfung unbedingt bestehen. Nicht nur das, ich wollte ein summa cum laude.
 Leider hatte Tom nicht ansatzweise den selben Ehrgeiz wie ich. Der erste Teil der Untersuchung wurde überraschenderweise von der Empfangsdame durchgeführt! Und die fand ich noch nie besonders sympathisch.
 Tom sah die Inquisitorin zum 1. Mal, da es dort untersagt ist, Kinder für die 3 Sekunden der Anmeldung kurz auf dem Tresen abzusetzen. Die  Blondine stolzierte nun zum ersten Mal für Tom sichtbar in Echtgröße hinter ihrer Rezeptionistenkanzel hervor. Um ihm sogleich alberneFragen zu stellen und dem Kind dabei mit Gewalt das Gefühl zu geben, als wäre all das hier ne ganz lockere Nummer.  Wie macht der Hund, welches Tier sagt Muh. Kannst du mal für mich einen Turm bauen. Dabei lauerte sie unverkennbar nur auf Anomalien. Als hätte ihr Arztboss eine Belohnung für diejenige Schwester ausgesetzt, die Hinweise gibt, die endlich zur Diagnose einer Entwicklungsstörung führen.
Toms finsterer Blick war unbezahlbar.
Ich versuchte die unterkühlte Dame aufzumuntern und sagte: „…also mit Leuten, die er mag, spricht er fließend…. Wir haben mal die Wörter gezählt.“
Sie guckte mich missbilligend an und überlegte wahrscheinlich an welcher Stelle im Untersuchungsheft sie ein Kreuz für Förderwahnsinn setzen könnte.
„Und?“
„Naja, wir liegen im 3 stelligen Bereich.“
Ihre Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde bevor sie sich wieder zu einem schmalen skeptischen Schlitz formten, dann wandte die Dame sich dem PC zu und tippte etwas in die Tastatur. Gelangweilt bestimmte sie: „Ich will aber eine Banane. Und keine Nane!“
„Ja, aber sie wissen doch gar nicht….“
Ehe ich ausreden konnte, warf sie Tom einen Schlüssel vor die Füße und fragte:  „Was ist das?“
Der war so perplex und erschrocken, dass er sein Resentiment vergass und reagierte.
 “ Schüüüüssi“, antwortete er brav.
Sie zeigte weiterhin keinerlei Verständnis für seinen regulären Entwicklungsstatus.
Ich sagte: „Haben sie gehört? Er hat Schlüssel gesagt!“ Mein tapferer, kleiner, toleranter, verspielter Junge.
„Also ich habe nur Schüüüssi verstanden. Ich will aber einen SchLLüssel. Baust du mir jetzt einen Turm? Oder schraubst du mir wenigstens das Gefäß auf und holst mir dieses vertrocknete braune Etwas raus?“
 
Ich dachte nur, kack doch die Wand an und machs dir selbst du blöde Trulla.
 Aber Tom lies sich überreden. Naja schließlich mussten wir auch 1,5 Stunden im winterlich – virulenten Wartezimmer auf diese Konsultation warten. Da will man ja auch was von haben. 
 
„Ich kann das vielleicht erklären… also dass er in seinem Alter sprachlich etwas retardiert auf sie wirkt.“
Ja, jetzt wurde ich  richtig pampig und ironisch, um sie aus der Reserve zu locken.
“ Er lernt noch 2 andere Sprachen. Portu…“
„Mich interessieren nur seine Muttersprachen. Was sprechen Sie mit ihm und ihr Mann?“
„Wir nur Deutsch. Aber…“
„Sehen Sie.“
 
Ich war versucht ihr eine Geldsumme in Höhe der vom Arzt ausgelobten Provision für die Entdeckung frühkindlicher Störungen zu zahlen, um ihr ein freundliches Wort, ein Lob  oder gar ein Lächeln abzukaufen, das sie dann an meinen Sohn richten könnte….
 
Stattdessen schenkte ich ihm trotz aller Empörung über diese so renommierte Arztpraxis mein Lächeln, das war völlig umsonst und er war glücklich und zufrieden wie immer.
 
 

 TOM HAT SICH EINE KLEINE PARALLELWELT ZUM TAGESGESCHEHEN GEBASTELT.

Diese beginnt ca. um 3 Uhr nachts. Er steigt aus seinem Bettchen, öffnet auf Zehenspitzen die Kinderzimmertür und wirft selbige souverän mit viel Schwung und lautem Knall hinter sich zu. In diesem Moment endet spontan meine Tiefschlafphase .

 Ich habe dann etwa 2 Minuten Zeit nochmal eine kleine Mütze Schlaf zu tanken. Solange dauert es, bis Tom neben mir am Bett steht und eine Zeitung auf mein Kopfkissen legt. Die gabelt er unterwegs im Vorbeigehen im Flur auf. Da wir die Zeitung allerdings nur sehr selten auf der Kommode liegen lassen und sie stattdessen lesen, landet auf meinem Kopfkissen, dann defacto  nur etwas, das von Tom als Zeitung gemeint ist. In Wahrheit sind es Prospekte von Discountern, Flyer vom chinesischen Bestellservice oder ganz einfach Post vom Finanzamt, Dinge halt, die man tags aus gutem Grund erstmal liegen lässt. Ich wische das Papierzeug  fluchend vom Bett, hebe den kleinen Tom ins Bett und wehre gleichzeitig die Scheinangriffe des Chihuahuas ab.

Der hat sich seit einigen Monaten in meinem Zimmer eingenistet und tut nur das, wozu ihn seine Gene zwingen: Er verteidigt mich. Das bedeutet, er bekläfft zuverlässig alles, was mir auf einen halben Meter zu nahe kommt. Ich bin sicher, dass er tief im Inneren seines Herzens wahnsinnig unter seinem schlechten Charakter leidet. Ich auch übrigens.                                          

Der südamerikanische Kleinhund wird ins Zonenrandgebiet am Fussende verwiesen. Zwei weitere dominante Besatzungsmächte, ein Britisch-Kurzhaar Kater sowie ein Russisch-Blau-Mix schiebe ich zur Seite. Sobald die Sektoren unter uns aufgeteilt sind,  schlafe ich erschöpft ein.  

  Es folgt planmäßig eine kurze aber heftige Traumsequenz. Ich träume, von Indianern angegriffen und skalpiert zu werden.

Mein Herz rast und ich reiße die Augen auf. Tom sitzt gemütlich in einer Art Yogisitz auf meinen Haaren. Ich forme Geräusche des Schmerzes und bitte ihn höflich, den Rückzug anzutreten.

Für ihn ein deutliches Zeichen, dass nun die Zeit reif ist für die sinntragende, artikulierte Konversation. Er sagt: „…Butter, Käse, Öl, Eier, Brot, essen, Mama Anziehen, Auf! „.
Dann läuft er eine Runde ums Bett, stellt sich auf den raschelnden Berg Discounterprospekte, der sich in der letzten Woche angesammelt hat und zerrt an meiner Hand. 
Die Mutter in mir möchte seinen Befehlen folgend aufstehen und ihn füttern. Aber mein Verstand sorgt dafür, dass ich mich schlafend stelle. 
Tom, der Taktiker, teilt mir mit, dass er eine neue Windel braucht. Sofort springe ich auf und gehe mit ihm ins Bad, um ihn zu wickeln.
 Kurz später liegt er wieder gut zugedeckt in meinem Bett, ich halte seine Hand, als er plötzlich befiehlt:  „Brot Butter Käse Eier Öl Auf! “ 
Ich antworte mit Zischlauten. 
Er ist unbeirrbar und sagt: “ Mama Windel nass. Neue!“ 
 Ich werde sauer und drohe, dass er in seinem Bett wird schlafen müssen, wenn er weiter meine Nachtruhe stört. 
Er stellt sich hin und beginnt, das Bett als Trampolin zu benutzen. 
Ich sage mit fester stimme:  „Tom, wenn du nicht sofort aufhörst, musst du in deinem Bett schlafen. „
Er hält inne und ruft: „Jaaa!! „
Ich stutze. Sind Drohungen nicht dazu da, das Kind mit sofortiger Wirkung einzuschüchtern und aus ihm ein gefügiges Familienmitglied zu machen? Vielleicht hat er mich ja missverstanden.
 Ich drohe erneut: „Möchtest Du, dass ich dich runter in dein Bett bringe? „
Er sagt: „Ja!
Ich sage: Aber da ist es dunkel und du bist ganz allein.
 Er sagt: „Ja! Ja!“

Ich verfluche meine doofe Idee, weil ich den schweren Brocken jetzt einmal quer durchs Haus schleppen muss und er mutmasslich anfängt zu brüllen und ich ihn dann wieder mit nach oben nehmen werde. Das ist genug Sport, um für den Rest der Nacht topfit zu sein.

Ich bin dennoch konsequent, bringe ihn in sein  Bettchen und gehe ohne viel sentimentales Geplapper schnell wieder in mein Bett. Dort warte ich, das Babyphone ans Ohr gepresst, auf seinen Protest. Was ich kurz später höre, ist nachts das schönste Geräusch auf Erden. Ich höre den regelmäßigen Rhythmus seines tiefer werdenden Atems. Er schläft!

 
 
TOMS OPA HATTE SICH SOFORT BEREIT ERKLÄRT,
 
 abends auf seinen Enkel aufzupassen. Obwohl er am nächsten Tag sehr früh würde aufstehen müssen und der Film Überlänge hat. Opa ist eben der Beste!
Beim Losgehen rief ich ihm von der Türschwelle aus nocheinmal schnell die wichtigsten Regeln zu, die meisten davon kennt er zwar, aber sicher ist sicher:
 
„… – Nach dem Baden Haare gut abtrocknen und Strümpfe anziehen.
-Vor dem Anziehen des Schlafanzugs eine Windel umbinden und nicht wie neulich wieder vergessen!
– Nach dem Zähneputzen nichts mehr zu essen geben. Nein, auch keine Kekse!
– Zum Einschlafen unbedingt ein Kinderlied vorsingen aber, Achtung, NICHT Hänschen klein!
Frag nicht warum, halt dich einfach dran. Wir müssen los. Tschüß Papa…“
 
Melancholia war genauso gut wie man es von einem Neurotiker wie von Trier erwarten darf: Grandios. Märchenhaft schöne Bilder zu einem schaurig-realistischen Szenario. Allerdings sollte man sich für einen Film im Dogma Stil niemals in die 5. Reihe setzen. Nicht, wenn man zur Seekrankheit neigt.
Ich taumelte nach Hause, den Blick in Richtung Himmel gewandt, um ihn auf bedrohliche Veränderungen abzuscannen. Da war natürlich nichts.
Erleichtert schloss ich die Haustür auf. Wir legten ab und betraten das Wohnzimmer.
Was wir dort sahen, löste eine Verwunderung aus wie es ähnlich nur ein sich nähernder Himmelskörper vermocht hätte.
Der Opa krabbelte am Boden entlang.
„Alles ok?“, fragte ich.
Opa, der ewig Optimistische erhob  kurz und abwesend den Blick und brubbelte: „Nee.“
 
Oh nein! Bitte nicht! Mir dämmerte großes Unheil und ich spürte schon die aufsteigende Hitze der Panik. „Ist es etwa das, was ich denke?“
 
Als Opa vor einigen Monaten das letzte Mal zum Babysitten bei uns war, hatte er pünktlich um 9 sein blutdrucksenkendes Mittel aus der Tasche gekramt, sich ein Glas Wasser geholt und irgendwo zwischen diesen Vorgängen die Tablette fallen lassen und stundenlang nicht wieder gefunden.
Man sollte in einem Kleinkindhaushalt aber nur solche Sachen rumliegen lassen, die ohne Altersbeschränkung essbar sind oder einen deutlich größeren Durchmesser als die Luftröhre haben.
Tom glaubt leider wegen gelegentlicher Gabe von Globuli und der früheren Kariesprophylaxe mittels Fluormedikation, dass Tabletten eine Süßigkeit sind.
Woher sollte er auch wissen, dass die „Süßigkeit“, die seinen hyperaktiven Opa nur ein klein wenig runter regelt, zehn Zugochsen auf der Stelle umkippen ließe.
Die Tablette konnte damals sicher gestellt werden.
 
Da Oppa nicht antwortete, fragte ich nun mit mehr Nachdruck: „Papa! Hast du wieder deine Herzmedis fallen lassen?“
„Nein“, antwortete er kleinlaut.
„Na dann ist ja gut!“ Erleichtert holte ich mir ein Glas Wasser aus der Küche.
„Komm ich helf dir. Was suchst du denn, du blindes Huhn?“
„Die Tablette vom Urologen.“
„Herrgott nochmal!“
„Die Herztablette hab ich geschluckt, aber die andere ist auf den Boden gefallen.“
Welches Wirkstoff?
„Weiß ich nicht, nichts schlimmes.“
„Papa, die Dosis macht das Gift. Darf ich dich erinnern, dass der Kleine erst 12 kg wiegt. Also verrate mir den Wirkstoff.“
Ich war ziemlich sauer. Noch geladener als damals als er versucht hat, den Kleinen auf eine gehörnte Streichelziege des Berliner Zoos zu setzen. Noch saurer als damals als ich bemerkte, dass Tom in einer Pfütze geschlafen hat, weil Opa ihn unbedingt wickeln wollte und dann die Windel vergessen hatte.
 
 Ich bekam schließlich meine Antwort und damit mehr Information als man nach einem anstrengenden Kinoabend braucht.  Mit diesem Zwangswissen ausgerüstet, krabbelten wir nun zu dritt über den Boden, um ihn nach Unebenheiten in Form eines Prostata-Medikaments abzutasten.
Irgendwann wurden wir fündig.
Mein Vater musste mir versprechen, ab jetzt seine Medizin nur noch ausserhalb unserer vier Wände zu nehmen bzw. um ein Präparat gegen seine Konzentrationsschwäche zu erweitern.
 
Wir setzten uns erschöpft auf die Couch, um über Angenehmeres zu reden.
„Erzähl doch mal, Papa! Hat denn sonst alles gut geklappt? Ich meine mit Tom.“
  
Er fing an zu strahlen und berichtete detailliert, womit Tom gespielt hat, welche Worte er benutzt hat, wieviel Nudeln er gegessen hat (11), wie lange er in der Badewanne war (zu lange), wie viel Portionen Wasser aus der Wanner heraus und auf Opas Hemd gelangt sind (5). Dass das Zu-Bett-Bringen völlig unproblematisch war!  Anfangs… Aber dann…
 “ …. tja mir sind die Einschlaflieder ausgegangen und ich habe ihm Hänschen Klein vorgesungen. Das mach ich nie wieder. Du hattest Recht, ich hätte auf dich hören sollen“, sagte er reumütig.
 Mitten im Lied war Tom in Tränen ausgebrochen und liess sich nur sehr sehr schwer wieder beruhigen.
Wie zur Demonstration sang Toms Opa uns das Lied jetzt nochmal vor.
„…Hänschen Klein ging allein in die weite Welt hinein… Stock und Hut….wohlgemut…. Aber Mama weinet sehr, hat doch nun kein Hänschen mehr“  An der Stelle war Tom plötzlich hellwach und nahezu panisch geworden, er fing bitterlich an zu weinen und fragte unentwegt nach Mama.
 
„Ich möchte es gar nicht wissen, Papa. Sag mir nicht wie du ihn wieder beruhigen konntest. Sag es nicht!“ bat ich forsch und schielte auf die frisch angebrochene Kekspackung auf dem Wohnzimmertisch.
 
 
Eine Tagesmutter aus dem Bekanntenkreis hatte das große Glück,
von einem herabfallenden Eichhörnchen beinahe erschlagen worden zu sein. Sie spazierte mir ihrer Horde hampelnder, grölender Kinder durch einen Steglitzer Park als direkt vor ihnen ein Eichhörnchen aus der Baumkrone und ihnen vor die Füße fiel. Es blutete stark und erlag innerhalb weniger Sekunden seinen Verletzungen. Vor den Augen der entsetzten Kinder.
Petra, die routinierte Erzieherin, zögerte nicht und nutzte sofort die Gunst der pädagogischen Stunde. Sie erhob in Wort und Gestik den Zeigefinger und sagte: „SEHT IHR KINDER! SO ETWAS PASSIERT, WENN MAN SICH NICHT GUT FESTHÄLT. MAN STIRBT!“
 
    Ich halte als Hundebesitzer sehr viel von Konditionierungstraining bei Hunden. Zufällige negative Verstärkung ist da die gleichzeitig tierfreundlichste und wirksamste Variante.
 Beispiel: Ein Hund, der in seinem jugendlichen Leichtsinn vom heranrufenden Halter wegrennt und im Moment des aktiven Nichthörens mit der Pfote schmerzhaft umknickt. Von diesem Zeitpunkt an wird der noch junge Hund bei jedem Ruf sofort winselnd, mit eingezogener Rute beidrehen und demütig auf seinen Herren zulaufen.
Leider fliegen einem solche Lehrstunden genauso selten in den Schoß wie Eichhörnchen.
 
Wann immer ich nun die beneidenswerte Petra treffe, zufällig im Park beim Spazierengehen, auf Spielplätzen oder bei organisierten Kleinkindtreffen, gibt sie sich stolz, selbstbewusst und siegesgewiss. Ihre Tagespflegekinder sind allesamt zu Musterschülern mutiert, die ihr kaum mehr von der Seite weichen, sogar der ADHS-geplagte Friedrich-Sean ist wie ausgewechselt, entfernt sich höchstens noch auf 5 Meter, reagiert auf Zuruf ohne Verzögerung und kommt beim Pfiff sofort ran. Alle halten stets Blickkontakt mit ihrer Betreuerin.
Unfassbar. Wie macht sie das?
Ganz einfach:
Alle paar Minuten ruft sie ihren am Klettergerüst vorsichtig kletternden Kindern parolenartig zu:
„Was passiert nochmal, wenn man sich nicht richtig festhält?“
Sofort erstarren die Kinder vor Ehrfurcht, umklammern mit verkrampften Fingern die kalten, abgewetzten Stahlstangen und rufen mit dünner Stimme im Chor:
„Man fällt.“
„In der Tat, Kinder.“ ruft Petra lobend zurück. „Also gut aufpassen! Das gilt auch für dich, Friedrich-Sean!“
 
Wenn wir mit Tom spazieren gehen, halte ich nun vermehrt Ausschau nach tollpatschigen Eichhörnchen.
Ich habe für den Glücksfall gedanklich bereits eine lange Liste der kindgerechten Erklärung zur erfolgreichen Trauma-Disziplinierungs-Verknüpfung zurechtgelegt.
Zum Beispiel:
-mit Potenzial zum Klassiker: Das Eichhörnchen hat seinen Teller nie leer gegessen und wurde deshalb so schwach, dass es all seine Kraft verlor.
Das Eichhörnchen wollte unbedingt höher kletter als seine Mutter es erlaubte.
Das Eichhörnchen war masslos und gierig und wollte unbedingt mehr Eicheln sammeln als es tragen konnte.
Das Eichhörnchen wollte auch am 3. Tag seine Zähne nicht putzen und ist deshalb aus dem Nest gefallen. (Ja, da staunst du, was? Aber genauso war es, mein Kind!)
Das Eichhörnchen wollte mit seinen guten Schuhen in den Baumpfützen spielen und ist ausgerutscht.
Das Eichhörnchen wollte partout seinen Mittagsschlaf nicht machen, übermüdete und wurde achtlos.
– vorgemerkt, für präpubertierende Zeiten: Das Eichhörnchen hat seine Eltern genervt und wurde aus dem Nest geschubst.
 
Ergänzende Vorschläge erwünscht.
 

Das Anwendungsfeld des deutschen Vokabulars ist weit.

Weit und schmutzig. Seit wir über Dei-dei, Da-da und die ausschliessliche Ja-nein -Konversation hinaus sind, wird es immer komplizierter mit der politisch korrekten Spracherziehung.

Während des Badens im warmen Wasser abends passierte das, was sonst diskret von einer Windel begrenzt wird. Ein Prachtexemplar von Exkrement liegt auf einmal hinter meinem in der Wanne hockenden Sohn auf dem Badewannengrund, schwer und träge. Ich beende ohne viel Aufhebens die Badesession und schenke einem der natürlichsten biologischen Vorgänge nicht mehr und nicht weniger Aufmerksamkeit als er verdient. Denn ich habe großen Respekt vor der analen Phase und noch viel größeren Respekt vor der Vermutung, dass kleine Kinder und dann erst wieder ganz alte Menschen zum Fäkalfetischismus neigen. Ich verhalte mich so unauffällig wie möglich. Schließlich bin ICH ein früh-getrocknetes-Topfkind und ich möchte meinem Kind ein ähnliches Schicksal ersparen. Weder bin ich also jetzt über das Mass hinaus begeistert, wie man das von anderen Müttern kennt ( Papa komm mal schnell, guck mal, was unser Kind geschafft hat. Sooo schön. Waaahnsinn).  Als hätte der Spross gerade die Mona Lisa reproduziert oder eben die Steuererklärung fürs letzte Jahr fertiggemacht. Noch wechsle ich in einen ordinären Jargon. Vielmehr bleibe ich sachlich und erkläre nüchtern: „Das ist eine Kackwurst.“

Eine zugegeben unfassbar lange Kackwurst, die es vielleicht sogar verdient hat, ein paar Sekunden lang angestarrt zu werden. Ich habe Mühe meine Anerkennung zu unterdrücken und bin versucht, ein Foto für die stolze Oma zu schiessen, die in den 60 er Jahren eine allseits prägende erzieherische Ausbildung genossen hat.

Als ich das Gerät aus der Wann fische, um es schnell zu entsorgen, fängt Tom an zu sabbern und schreit: „Wüürschtschen. Wüürschtschen!“

Einen Tag später lasse ich wieder Wasser in die Wanne. Während ich Handtuch, Schlafanzug und Windel zurecht lege, hantiert er über dem Badewannenrand mit meinem Handy. Einem Nokia, das viele Strandurlaube und Steve Jobs überlebt und die Ferienfotos der letzten Jahre gespeichert hat. Ungesichert. Es fällt ins Wasser und verschwindet unter einem riesigen Schaumberg.

Ich reagiere ähnlich paradox wie in Stresssituationen im Strassenverkehr. Sobald eine Autofahrerin die Parklücke verlässt, um ohne zu gucken auf die stark befahrene 50er Zone zu wechseln, also geradewegs in Richtung meines Gefährts, hupe ich zunächst klangvoll und ausführlich. Erst nach dieser akustischen Massregelung bin ich in der Lage, auf die Bremse zu treten. Der Ablauf ist jetzt nach dem Sinken meines Telefons ähnlich. Bevor ich es rette, muss ich zwanghaft fluchen. Ich fluche und schimpfe. Tom sieht mich mit großen Augen unschuldig an. Ich angle es schliesslich heraus und zerlege es zum Trocknen in seine Einzelteile. Es hat tatsächlich schon wieder überlebt. Wann immer nun das Telefon in Toms Blickzone gerät, wird er ob der Konnotationserweiterung sehr ärgerlich, erhebt seine Stimme und sagt: „Mannooo! Scheisse!“

In den 80 er Jahren wurde ein Satellit namens Rosat gebaut und zur Arbeit ins All geschickt.

Seit Mitte der 90er ist der Herr emeritiert und dieses Wochenende wird er zum Sterben auf die Erde zurückkehren. Beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre wird er größtenteils verglühen. Der kleinere hitzebeständige Teil wiegt immer noch über eine Tonne. Diese Tonne wird mit einer Geschwindigkeit von 28 Tausend Kilometern pro Stunde in Richtung Erde rasen und mit einer Wahrscheinlichkeit von 1:580 das Flächengebiet Deutschland treffen. Das sind fast 0,06 Prozent! Die Leute vom DLR sagen, die Wahrscheinlichkeit sei damit äusserst gering.

Aber die Wahrscheinlichkeit für einen 3er im Lotto ist auch gering. Nicht gering genug. Meine Mutter hat dauernd 3 er und wird deshalb mit Sicherheit ihr Lebtag an das Glücksspiel gefesselt sein.

 Offenbar bin ich die Einzige weit und breit, die sich durch Herrn Rosat bedroht fühlt. In einem Versuch der Panikmache im kleineren privaten Kreise erhielt ich fast ausschließlich beruhigende Kommentare. Sowas wie:

Wir haben einen Schutzengel.

 – Wir sind noch nicht dran. Und wenn doch, gehts ganz schnell. So mein Vater.

– Oder der Exfreund meiner Mutter: Wenn es überhaupt einen Menschen trifft, dann mit größerer Wahrscheinlichkeit einen armen, denn davon gibt es mehr. Übrigens deine Mutti wollte mit mir einen Ausflug machen und hat mich versetzt.

-Oder: Es stürzen jedes Jahr Hunderte Trümmerteile aus dem All auf die Erde und die landen alle im Meer oder auf unbesiedeltem Gebiet.

Dabei ist das ja gerade der Punkt.  Alle Teile, die im Ozean landen, werden extra dorthin gesteuert. Herr Rosat aber wurde zu einer Zeit gezeugt, in der man Neonfarben anzog, sich freiwillig die Haare toupierte, Break Dance liebte ohne sich zu schämen.  Und Sateliten hitzebeständig machte und ihre Rückreise schlecht organisierte.

Herr Rosat ist bar jeder technischen Raffinesse. Er ist ein unkontrollierbarer Freak! Gestern Nachmittag entschied ich, mit Tom in Richtung Nordsee zu fahren. Nördlich des 53. Breitengrades befindet man sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausserhalb des Satelliten-Orbits. Ich beschloss, meine Freundin und ihre Kinder Clara und Charlotte mitzunehmen, um dieser ernstgemeinten Reise einen spaßigeren Charakter zu geben.

 Dann aber, kurz vor der Abfahrt dachte  auch ich nochmal über Statistiken nach. Ich errechnete, dass die Wahrscheinlichkeit im Strassenverkehr von einer kotzenden Clara behelligt zu werden und daran zu ersticken größer ist als die, vom gleißenden Unterleib Herrn Rosats überwältigt zu werden. Letzteres wäre auf jeden Fall der schnellere und kühnere Tod. Ich blieb in Berlin.

Und hier bin ich noch. Tapfer der Dinge harrend. Der Eintritt wird irgendwann ab heute Abend erwartet. Mir ist immer noch sehr mulmig. Ich überlege weiterhin, was man tun könnte, um sich in Sicherheit zu bringen ohne sich dabei aber mehr als nötig zu gefährden. So bleibt auch mir inzwischen nix anderes, als die Wahrscheinlichkeiten zu bemühen.

Demnach wäre man zum Beispiel absolut sicher im Zeiss-Planetarium! Denn was gibt es Alberneres für einen Satelliten als ausgerechnet in ein Weltraum-Museum zu stürzen. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen Null. So viel Humor kann ein suizidales 80er Jahre Trümmerteil einfach nicht haben.

Oder ich mache eine Führung durch den Führerbunker mit. Wenn es irgendwo auf der Welt sicher ist, dann dort.

Oder ich setze mich ins Foyer des Deutschen Zentrums für Luft – und Raumfahrt. Da bin ich ziemlich sicher. Denn dort ist Herr Rosat gebaut worden. Wenn er dort eintreffen würde, so ganz ohne Steuerung, aus reiner Sentimentalität, wäre das eine Sensation.

Ausserdem habe ich dort gestern auch schon angerufen. Der Pressesprecher war genervt aber keineswegs ängstlich. Und der Pförtner saß auch noch auf seinem Platz. Ich hab ihn gebeten, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Er meinte, da gibs nix. Alles ruhig hier. Keene Uffregung. Hab ick ihm ooch jegloobt.

Ich habe mich schließlich für die bequemste Variante entschieden. Ich bleibe zu Hause. Also so richtig zu Hause. Auf der Terrasse, auf der Couch, im Buddelkasten. Aber-und das ist der Trick dabei- ich bleibe nicht allein! Denn: Je mehr Menschen sich auf einem Haufen befinden, umso drastischer reduziert sich die Wahrscheinlichkeit getroffen zu werden. Eine überaus schlaue Überlegung, die ich so noch nirgends nachlesen konnte. Wenn das Risiko, durch Rosat ums Leben zu kommen für einen Einzelnen bei 1: 700000 liegt, dann liegt das Risiko, dass 2 Personen getroffen werden und dabei sterben bei Eins zu knapp 500 Milliarden*. Also  habe ich Clara, Charlotte UND deren Mutter eingeladen. Zusammen sind wir so viele, dass ich gar nicht mehr nachzurechnen brauche. So sehr glaube auch ich jetzt an meine Sicherheit durch Wahrscheinlichkeit. Wahrscheinlich müssen sie auch hier übernachten. Alle in unserem Bett. Auch die in der Nacht noch nicht ganz trockenen Kleinkinder. Aber das ist egal. Hauptsache wir leben!

* ?

Tom und ich waren an der Ostsee.

Ohne den Papa, ohne Hunde, Katzen, Hasen.Ohne Verpflichtungen. Nur wir beide. Naja, fast.  Wir teilten das Haus mit meiner Freundin und deren zwei Mädchen (3 und 5).

So hatten wir freundlich gesagt ein paar aufregende Wochen. Also rein kalendarisch war es nur eine. Aber was spricht schon dagegen, wenn einem der Urlaub länger als kürzer erscheint.
Während ich Wochen vorher schon Panik hatte vor meiner ersten Woche ganz ohne die Hilfe unseres Stabs an Babysitter-Menschen, war meine Freundin froh, das erste Mal in ihrem Leben ansatzweise so eine Art Babysitter dabei zu haben. Mich! Den heimlichen Gedanken kann ich ihr nicht übelnehmen.
Es ist eine ganz einfache Rechnung. Jede Person, die man ab dem Tag der Niederkunft trifft und die weniger Kinder vorzeigt als man selbst, ist ein potentieller Babysitter. Das Recht des Geburtsstärkeren quasi. Kenne ich auch von mir.
Die Energie, die aus dem Entzücken der Anderen über das Kind resultiert, wird kurzerhand in Mithilfe transformiert. Wenn man schlau ist, lässt man die Helfer nicht merken, dass sie benutzt werden und  wenn man noch dazu Glück hat, merken sie es tatsächlich nicht und kommen wieder.
Diese kühlen Hintergedanken dienen nur dem einen Zweck: Mal 10 Minuten sitzen, einfach nur dasitzen und nichts tun.
 
Wir machten also Urlaub, in welchem meine Freundin klammheimlich glaubte, ich würde ihre Mädchen hüten und ich davon überzeugt war, ihre Mädels gut als Bespassungsmaschinerie für mein Kind einsetzen zu können. Und ich hatte schon viel gutes von den Nanny-Qualitäten Charlottes gehört.
Theoretisch hätten wir alle total entspannt zurück kommen müssen.
 
Nur praktisch lief es ein wenig anders……
 
Die Autofahrt ist relativ unproblematisch.
Ein bisschen Stau, ein bisschen Quengelei von der Rückbank. Pullerpausen im 20 Minutentakt. Alles ganz normal. Die Mädchen haben Spaß daran, Tom mit ihren Müsliriegeln und Haribos zu füttern. Er nimmt die Sachen dankbar an. Ich gönne ihm den Spaß. Erinnere aber daran, dass ein Bärchen aus Gummi im Magen etwa die Ausmaße eines echten Waschbären-Babys annehmen kann. Man glaubt mir nicht, obwohl ich mit der Übertreibung weit unter meinen rhetorischen Möglichkeiten bleibe. 
Nach 5 Stunden Fahrt, 3 km vor dem Ziel, erbricht Clara hinter mir überraschend den Reiseproviant für eine 6 köpfige Familie. Viele bunte Waschbären-Babys konserviert in Kotze.
 
Wir beladen das schnucklige Energiesparhaus mit dem Inhalt des Wagens.
Die Freundin, ich und Tom gehen schnell was einkaufen. Charlotte darf so lange auf Clara aufpassen.
Als wir wieder kommen, steht Charlotte weinend an der Tür.
„Es ist alles meine Schuld! “ Schluchzend hält sie uns ihren Mittelfinger hin.
Darin steckt ein ein Teakholzsplitter vom ökologisch korrekten Terrassentisch.  Das Holz einer geprüfte Öko-Plantage. Vorbildlich.
„Es ist alles meine Schuld…“ Sie schluchzt herzerweichend.
Ach das macht doch nichts,  möchte ich sagen. Kein Grund zu weinen.  Andere gehen noch viel unsensibler mit dem wertvollen Holz um.  Wegen eines Splitters pro Tag vernichtest du noch keine Wäl….
„Clara ist weggelaufen!“ platzt Charlotte schliesslich raus.
„Huch! Wohin denn? „
„Weiß ich nicht. Aua, mein Finger.“
 
Da geht er dahin, schon am ersten Tag,mein Traum vom unbezahlten Babysitter. 
„Sie wird nicht weit sein, ihr ist ja noch ganz übel von der Fahrt“, beruhigt mich die Mama des spazieren gegangenen Kleinkindes und packt erstmal das Essen aus und in den Kühlschrank bevor sie sich auf die Suche macht.
In der Tat ist die Globetrotterin nicht weit gekommen und eine halbe Stunde später wieder da.
 
Wir haben Glück. Der Deich wird alle 100 Jahre neu gemacht. In diesem Oktober ist so ein hundertstes Jahr. Wann hat man schon mal die Freude, Tag für Tag so viele Bagger auf einmal sehen und hören zu dürfen. Als Mutter eines Jungen bin ich jederzeit bereit, meinen Blick für die schönen Dinge des Lebens neu zu justieren.
Bevor mein Kleiner zum ersten Mal in seinem jungen Leben das Meer sieht, schaue ich zum ersten Mal seit Einsetzen meiner Erinnerung begeistert einer Planierraupe bei der Arbeit zu.
Eine Bildungsreise auf hohem Niveau also.
Auch was die Toiletten betrifft.
 
Wir benutzen Separationstoiletten. Stickstoff kann so gesammelt und an die Bauern der Umgebung als Dünger verkauft werden.
Das Klo hat 2 Becken, vorne eins fürs kleine, hinten das fürs große Geschäft. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass dieses Projekt nur funktionieren kann, wenn man sich bitteschön hinsetzt.
Ich fühle mich inspiriert, bei uns zu Hause im Gästebad ein gefaktes Separationsklo aufzustellen.
 
Einmal brüllt Clara, dass sie mal müsse. Ihre Mama sucht derweil Charlotte, die ihrerseits nach langhaarigen Raupen sucht. Wir sitzen gerade beim Tee im Gemeinschaftsraum und warten auf die Waffeln mit Kirschen und Eis.
Ich gehe also schnell mit ihr und Tom zur Separationstoilette. Bei so kleinen windellosen Kindern muss man
flink hinterher sein. Ich frage ordnungsgemäß, ob pee pee oder poo poo.
„Klein“, sagt sie.
„Gut, dann werden wir mal für die freundliche Gemeinde hier Stickstoff sammeln. Jeder Tropfen zählt. Clara, bitte in den vorderen Bereich pullern, damit man hinterher die Wiesen bedüngen kann, auf denen einmal das Korn für eure Müsliriegel wachsen soll. Wir können sehr stolz sein, an so einem großen Projekt teilhaben zu dürfen!“
Didaktisch bin ich ein echtes Genie.
 
Als sie fertig ist, sehe ich einen riesigen Haufen Groß, auf dem Sieb des Auffangbeckens fürs Kleine, für den wertvollen Stickstoff. Da hilft auch 5 Mal spülen nichts. Ärgerlich. Da lebt man schon im Zeitalter des Kanalsystems der hygienefreundlichen Hundekotbeutel und muss trotzdem haufenweise fremde Kacke umsetzen.
  
Charlottes Langhaar-Raupe heißt Valentino. Wir haben es ihm in einer Salatschlüssel gemütlich gemacht und nehmen ihn regelmäßig zum Kuscheln mit aufs Sofa. Charlottes Mama erlaubt daheim in Berlin keine Haustiere, schon gar keine haarigen und so genießen die beiden Mädchen jede freie Minute mit Valentino.
 
„Das wird mal ein wunderschöner Schmetterling“, erkläre ich den wissbegierigen Kindern. „Sobald wir wieder Empfang haben, googel ich mal, was für einer. Wer weiß, vielleicht entdecken wir gerade eine neue Art!“ Die Mädchen staunen.
Nach 2 Tagen intensivem Raupenkontakt funktioniert das Internet wieder. Etwa zeitgleich leiden wir alle an einem schrecklich juckenden Hautausschlag. Auf einer Raupenseite finde ich auch unseren Valentino wieder. Er ist das Vorstadium eines selten hässlichen Nachtfalters. Brombeerspinner gehören zu den hochallergenen Raupen. Man sollte sich von ihnen genauso fernhalten wie von den legendären Eichenprozessionsspinnern, derentwegen saisonal Kindergärten und Spielplätze geschlossen werden müssen.
Was dazu gelernt.
 
Fortsetzung folgt……
 
 

WIR ZIEHEN UM.

  … jedenfalls war das mal der Plan.

Genauer: wir haben zu dem Zwecke ein Haus gekauft und suchen einen Käufer für das alte.

 Aber plötzliche Widerstände seitens der beteiligten Häuser verhindern eine reibungslose Abwicklung unseres Wohnvorhabens.

 Unser Makler, der für ein international renommiertes Unternehmen arbeitet, begegnete uns kurz nach Abschluss des Kaufvertrages mit  furchteinflössendem Sarkasmus, der typisch sein muss für einen Makler, just in dem Augenblick, in dem seine  Provision verdient und fällig wird. So eine Art maklermäßige Entgleisung: nachdem der Mann uns monatelang angespannt höflich bei unseren Kaufüberlegungen begleitet hat, flutscht es nun mit dreifachem Überdruck einfach aus ihm raus wie aus einem Verstopften, bei dem endlich das Laxativum wirkt.

 Er sagte: Mir scheint als wehre sich Ihr Haus gegen den Besitzerwechsel.

  Im Falle unseres zu verkaufenden Hauses fände ich so eine kleine Geste der Anhänglichkeit beinah ein wenig rührend. Es erinnert mich an ein Kind, das nicht zu den fremden Leute in die Schule will und deshalb ständig einnässt. Einerseits gibt diese familiäre Verbundenheit den Eltern Genugtuung. Vor allem aber sind sie tierisch genervt.

 Unser altes Haus, eine wunderschöne kleine Villa, war, kurz nachdem wir es zum Verkauf inseriert hatten, mit Wasser vollgelaufen. Es hatte vor einigen Wochen heftige Regenschauer gegeben. Nicht der erste Starkregen, den dieses gestandene alte Haus erleben musste. Plötzlich aber drang durch jede Fuge des weißgefliesten Kellers, durch jede Pore an der Wand Feuchtigkeit und bildete strömende Rinnsäle, die sich alle pünktlich zur  Besichtigung mit den ersten Kaufinteressenten in einem knöchelhohen Binnenmeer einfanden. 

 Die Erklärung der Bauchsachverständigen lautete, durch den Anstieg des Grundwassers in Berlin, könne das Mauerwerk die Feuchtigkeit nicht mehr abhalten. Ich bin heilfroh, dass noch niemand gesagt hat, das Haus weint! Ich hätte es sofort geglaubt.

  Während also unser geliebtes altes Haus sich schluchzend seinem Schicksal fügt (und zusätzlich unter breitem Aufwand von aussen isoliert wurde), trotzt das neue Haus seiner Okkupierung mit brachialem Widerstand.

 Obwohl das Gebäude nach einer Kernsanierung immerhin 2 Jahre lang vom Verkäufer und seiner Familie bewohnt worden war, gab es kurz nach Unterzeichnung des Kaufvertrages mit uns ebenfalls einen Wasserschaden. Diesmal kam das Wasser von oben und kolaborierte mit dem einstigen Unvermögen des Fliegenlegers.  Der Handwerker hatte auf der Terrasse eine Dichtung falsch gelegt. Er hatte, nebenbei bemerkt auch die Drainage des Ablussrohrs zuzementiert. Aber das war wie gesagt nur eine Marginalie, nicht ursächlich für die feuchten Wände in Wohnzimmer und Wintergarten.

Auch hier muss man sich fragen, wie ist denn das Haus vorher so klargekommen bei Regen?  Sind wir vielleicht einfach nur zu pingelig?

( Foto folgt)

  Haben die einfach immer wieder neu übergestrichen und dann nachdem ihnen die Farbe ausgegangen war, verkauft?

 Ich gehe nur ungern von der Arglist eines Verkäufers aus. Ja, eigentlich gehe ich grundsätzlich vom Guten aus.

 Obwohl es genug Grund gäbe inzwischen, daran zu zweifeln…  

Der Tag der Schlüsselübergabe wird im rechtlichen Rahmen als Zeitpunkt des Gefahrenübergangs bezeichnet. Klingt bedrohlich, wenn man bedenkt, dass wir ab diesem Termin Besitzer eines eklatant widerspenstigen Hauses sein würden. Ich bleibe also bei dem Euphemismus Schlüsselübergabe
 
Zur Schlüsselübergabe kam ich etwas später, weil ich noch auf den Babysitter warten musste.  Der Verkäufer war anwesend, ein ganzes Heer an Maklern, die ich noch nie vorher gesehen hatte und… unser neuer Nachbar stand dabei. Er stellte sich mir kurz mit Namen vor und gab mir die Hand. 

 Na das ist ja nett, dachte ich, so ein freundlicher Nachbar, stellt sich ganz von alleine vor. Dann wäre das also auch erledigt und wir müssen das nach dem Einzug nicht mehr machen. Nur die Sache mit dem Brot und dem Salz scheint er nicht zu kennen. Macht nichts. Da können wir drüber hinwegsehen.

 „Ein Pfarrer“, flüsterte mir Toms Vater ehrfürchtig zu.

 Auch das noch, dachte ich.Wenn der rauskriegt, dass wir hier bald in wilder Ehe leben werden, wird der bestimmt grantig.

  „Die klären nur noch ein paar Formalien.“

 „Formalien? Mit dem Pfarrer? Wieso denn?“

 „Na dann guck mal raus.“

 In der Nacht war ein 12 Meter hoher Baum umgekippt und hatte sich quer über die heilige Wiese und ein Outdoormöbel des Gottesmannes gelegt. Autsch. Eigentlich ein gesunder kräftiger Baum. Die offizielle Diagnose lautete: Sturmschaden. Glücklicherweise ist niemand verletzt worden. Abgesehen von der Hollywoodschaukel des Predigers. Wenn der Baum abtransportiert worden ist, würde man prüfen, ob sie noch benutzbar ist.

  „Das tut mir sehr leid mit Ihrem Baum, Frau B.“, sagte Herr Laxa, der Makler später grinsend zu mir, “ das Haus wehrt sich immer noch. Haha. Aber erfahrungsgemäß wird sowas mit dem Einzug besser.“

 

 

Wollen wir es hoffen. Den örtlichen Pfarrer haben wir ganz sicher auf unserer Seite.

 

 

 

 

 

 

 

 
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